Was bedeutet Spiritualität am Arbeitsplatz eigentlich?
In der Wissenschaft existieren mittlerweile über 70 verschiedene Definitionen von Spiritualität am Arbeitsplatz – ein Zeichen dafür, wie vielschichtig das Thema ist (Moon et al., 2018).
Eine der meistzitierten und zugleich gut greifbaren Definition stammt von Ashmos & Duchon (2000). Sie beschreiben Spiritualität am Arbeitsplatz als: das Erkennen eines inneren Lebens, das durch sinnvolle Arbeit genährt wird – eingebettet in ein Gefühl von Gemeinschaft.
Übersetzt in Alltagssprache heißt das: Menschen möchten bei der Arbeit sie selbst sein, etwas Sinnvolles tun und sich zugehörig fühlen.
Forschungsübergreifend lassen sich drei Kernelemente identifizieren (Ashmos & Duchon, 2000; Rago et al., 2007; Garg, 2020):
- 1. Sinnvolle Arbeit
- 2. Gemeinschaftsgefühl
- 3. Das Gefühl, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten
Warum ist das für Unternehmen relevant?
Weil diese Faktoren kein „Nice-to-have“, sondern psychologische Grundbedürfnisse sind.
Empirische Studien zeigen positive Zusammenhänge zwischen Spiritualität am Arbeitsplatz und:
- – Arbeitszufriedenheit und Engagement (Garg et al., 2019)
- – freiwilligem, unterstützendem Verhalten im Team – sogenanntes Organizational Citizenship Behavior(Garg, 2020)
- – ethischem Klima und prosozialem Verhalten (Otaye-Ebede et al., 2019)
- – intrinsischer Motivation und Leistungssteigerung (Moon et al., 2020)
Kurz gesagt: 👉 Wo Arbeit als sinnvoll erlebt wird, arbeiten Menschen motivierter, verantwortungsvoller und kooperativer.
Aber Vorsicht: Mehr Verbundenheit ist nicht automatisch besser.
Eine starke Identifikation mit Organisation und Werten kann auch problematische Effekte haben. Zhang (2018) zeigt: Mitarbeitende mit hoher Arbeitszufriedenheit und starker Wertebindung sind eher bereit, unethisches Verhalten zu zeigen – wenn es der Organisation nützt. Das nennt sich unethisches pro-organisationales Verhalten.
Wichtig: Spiritualität stärkt Loyalität – aber ohne ethische Leitplanken kann genau diese Loyalität kippen.
Karakas & Sarigollu (2019) beschreiben Spiritualität deshalb als dynamischen Prozess aus:
- – Aufwärtsspiralen (Sinn, Engagement, Verbundenheit)und
- – Abwärtsspiralen (Druck, soziale Kontrolle, Erschöpfung)
Spiritualität ist also kein Selbstläufer, sondern ein kraftvoller Verstärker – im Guten wie im Schlechten.
Spiritualität wirkt – aber nicht bei allen gleich
Ein weiterer spannender Befund: Nicht jede Persönlichkeit profitiert gleichermaßen von spiritualitätsfördernden Arbeitsumgebungen.
Lata & Chaudhary (2020) zeigen, dass Mitarbeitende mit Ausprägungen der sogenannten „dunklen Triade“ (z. B. hohe Manipulations- oder Egoorientierung) weniger von positiven Effekten profitieren.
Das ist wichtig für die Praxis: 👉 Spiritualität ist kein universelles Rezept, sondern wirkt immer im Zusammenspiel mit Persönlichkeit, Führung und Kultur.
Was bedeutet das konkret für Organisationen?
Die untersuchten Studien liefern klare Hinweise, was wirkt:
✅ Werte nicht nur formulieren, sondern leben: Vision, Mission und Führungsverhalten müssen übereinstimmen (Garg et al., 2019).
✅ Gemeinschaft ermöglichen – ohne Zwang: Verbundenheit entsteht durch Freiwilligkeit, nicht durch soziale Pflichtprogramme (Karakas & Sarigollu, 2019).
✅ Ethik aktiv begleiten: Je stärker die Identifikation, desto wichtiger sind offene Diskurse und klare ethische Orientierung (Zhang, 2018).
✅ Führungskräfte als Vorbild: Spiritualität funktioniert nur, wenn Führung Authentizität und Reflexion vorlebt (Otaye-Ebede et al., 2019).
Fazit: Spiritualität ist kein Wohlfühlkonzept – sondern Organisationspsychologie
Die Forschung macht klar: Spiritualität am Arbeitsplatz ist kein esoterisches Add-on, sondern berührt zentrale psychologische Wirkmechanismen von Motivation, Verhalten und Sinn.
Richtig eingesetzt, kann sie:
- – Leistung fördern
- – Zusammenarbeit verbessern
- – ethisches Handeln stärken
Unreflektiert eingesetzt, kann sie:
- – Druck erzeugen
- – unethisches Loyalitätsverhalten begünstigen
- – Ausgrenzung verstärken
Oder ganz pragmatisch gesagt:
Spiritualität ist kein Allheilmittel – aber ein mächtiger Hebel, wenn man weiß, wie man ihn nutzt. Genau hier beginnt meine Beratung für wertschätzende Organisationen.
Ich möchte mehr darüber erfahren!
Quellen
- Ashmos, D. P., & Duchon, D. (2000). Spirituality at Work: A Conceptualization and Measure. Journal of Management Inquiry, 9(2), 134–145. .
- Garg, N. (2020). Promoting Organizational Performance in Indian Insurance Industry: The Roles of Workplace Spirituality and Organizational Citizenship Behaviour. Global Business Review, 21(3), 834–849.
- Garg, N., Punia, B., & Jain, A. (2019). Workplace Spirituality and Job Satisfaction: Exploring Mediating Effect of Organization Citizenship Behaviour. Vision: The Journal of Business Perspective, 23, 097226291985092.
- Karakas, F., & Sarigollu, E. (2019). Spirals of Spirituality: A Qualitative Study Exploring Dynamic Patterns of Spirituality in Turkish Organizations. Journal of Business Ethics, 156(3), 799–821.
- Lata, M., & Chaudhary, R. (2020). Workplace Spirituality and Experienced Incivility at Work: Modeling Dark Triad as a Moderator. Journal of Business Ethics.
- Moon, T.-W., Youn, N., Hur, W.-M., & Kim, K.-M. (2020). Does employees’ spirituality enhance job performance? The mediating roles of intrinsic motivation and job crafting. Current Psychology, 39(5), 1618–1634.
- Robbins, S. P., Coulter, M., & Fischer, I. (2014). Management. Grundlagen der Unternehmensführung (12. Aufl.). Hallbergmoos: Pearson.
- Otaye-Ebede, L., Shaffakat, S., & Foster, S. (2020). A Multilevel Model Examining the Relationships Between Workplace Spirituality, Ethical Climate and Outcomes: A Social Cognitive Theory Perspective. Journal of Business Ethics, 166(3), 611–626.
- Zhang, S. (2020). Workplace Spirituality and Unethical Pro-organizational Behavior: The Mediating Effect of Job Satisfaction. Journal of Business Ethics, 161(3), 687–705.